Die ersten Schritte

- in ein neues Leben -

Aller Anfang ist schwer. Die ersten Monate im neuen Hundeleben sind geprägt von Fortschritten und Rückschlägen. Aber irgendwann ist auch die letzte Hürde genommen.

September 2002

 

Geboren werde ich am 04.02.2000 auf der Marshall-Farm/USA. Doch mein “wahrer Geburtstag” ereignet sich am 28.09.2002. Bis zu diesem Samstag war ich ein namenloser Gefangener in einem Versuchslabor mit der Registriernummer 3557677. Nach mehr als 2 Jahren Internierung gelang es mir an diesem Tag, gemeinsam mit zwei Kumpels, den Häschern zu entkommen. Das Fluchtauto wurde von dem bewährten Fluchthelfer Karl-Heinz Schmidt (IG Tiere in Not) und seiner Tochter gefahren und stand zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Herr Schmidt hatte den Fluchtplan bis ins Kleinste ausgetüftelt und fuhr mich ohne anzuhalten zu meinem neuen Versteck.

Es ist bei einem alten Ehepaar, Dagmar (48) und Franz Josef (54), mit einem großen Haus und riesigem Garten. Da ich nicht recht wußte, was ich von all dem halten sollte, war ich vorsichtshalber zu beiden freundlich, um sie in Sicherheit zu wiegen.

Als erstes habe ich mir den Garten unter die Lupe genommen. Alle Achtung! Franz Josef versteht was von Ausbrechern - der Garten ist absolut ausbruchsicher! Aber ich habe mir schon einen Plan zurechtgelegt: Ich werde in paar Tage nichts essen und soviel abnehmen, daß ich unter dem Zaun durchrutschen kann. Sollte das nicht klappen - auch nicht schlimm. Dann bleibe ich noch ein paar Tage länger, bis mir ein besserer Plan einfällt. Sooo schlecht ist meine neue Bleibe auch wieder nicht.

Heute früh zum Beispiel wollte ich einen Fluchtweg durch den Garten ausbaldowern und bin bei meinen Recherchen in den Teich gefallen. Welch ein Schreck! Aber Dagmar hat mich am Halsband wieder rausgezogen und Franz Josef sagte noch was von “Frei- und Fahrtenschwimmer”. Was er wohl damit meint?

Sie haben mir auch einen Namen gegeben: BALU! Aber ich tu’ so, als wüßte ich nicht, daß ich damit gemeint bin. Wenn die zwei einmal gemerkt haben, daß ich meinen Namen kenne, glauben die doch gleich, ich müßte auch gehorchen...

Ich habe auch noch ein Gespräch belauscht. Dagmar sagte: “Balu muß noch Autofahren lernen.” Jetzt wollen die also, daß ich den Führerschein mache. Neee, ich weiß nicht, ob ich abhauen soll; einen Führerschein kann man ja immer gebrauchen.

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Oktober 2002

 

06.10.2002

Nun bin ich schon eine Woche in meinem neuen Gefängnis - äh, Zuhause. Inzwischen habe ich mich entschieden: Ich bleibe! Hungern und Dürsten hat mir doch nicht so gut gefallen, vor allem, weil es aus dem Garten partout kein Entrinnen gibt. Außerdem haben mir so viele Leute Glückwünsche und Willkommensgrüße geschickt - sogar ein Geschenkpaket ist angekommen. All diese netten Menschen kann ich doch nicht enttäuschen. Und meine beiden “Alten” geben sich wirklich die größte Mühe, mir das Leben angenehm und bequem zu machen. Allerdings mußte ich schon zweimal duschen - warum eigentlich? Ich finde meine Duftnote äußerst apart. Außerdem haben sie mir meinen Lieblings-Versteck-und-Schmoll-Platz hinter dem Sofa zugebaut. Aber ich bin ja nicht nachtragend - suche ich mir eben einen neuen. Besser als im Labor ist es hier allemal.

10.10.2002

Mannomann, war das eine anstrengende Woche!!! Der Stress fing schon am Montag an, da mußte ich - trotz Urlaub - übungshalber ins Büro. Da war vielleicht was los! Im Nu war ich von allen Menschen- und Hundekollegen umringt. Nee, nee, das gefällt mir ganz und gar nicht. Ich werde umgehend meine Kündigung einreichen. Obwohl - eigentlich kann ich Laurin, den Dackel vom Chef, nicht im Stich lassen. Der freut sich nämlich schon, wenn er endlich Verstärkung gegen die Überzahl von 3 Hundedamen bekommt. Vielleicht sollte ich mir das mit der Kündigung nochmal überlegen.

 

Am Mittwoch ging’s auf nach Wesel, um zwei Ex-Labor-Leidensgenossen zu besuchen: Oscar (Labrador-Harrier-Mix) und Max (Beagle). Die sind ja soooo riesig! Da soll man keine Angst kriegen. Ich wußte mir nicht anders zu helfen, als ganz furchtbar furchterregend zu knurren. Zu allem Überfluß wurde auch noch ein langer Spaziergang gemacht. Davon war ich am nächsten Tag noch so erledigt, daß ich morgens nicht mal Appetit auf Frühstück hatte.

(Anmerkung der Redaktion: Oscar hat uns sehr leid getan. Er wollte so gern Balus Freund sein, doch der hat ihn immer wieder knurrend abblitzen lassen.)

November 2002

 
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Tja, was gibt es sonst noch zu berichten? Achja, Autofahren habe ich inzwischen gelernt. Allerdings muß ich immer auf den Rücksitz. Keine Ahnung, warum Dagmar und Franz Josef mich nicht ans Steuer lassen. DAS wäre doch mal wirklich eine tolle Sache. Überhaupt läuft mit der Erziehung der beiden einiges schief. Ich befürchte, die lassen sich von meinem Ich-bin-der-ärmste-Hund-der-Welt-Blick nicht mehr beeindrucken. Jagen die mich doch tatsächlich hartnäckig vom Sofa runter. Irgendjemand muß ihnen auch völlig falsche Informationen geliefert haben. Von wegen verfressener Beagle. Ich lasse mich doch nicht mit Leckerlies bestechen! Wenn ich was mache, dann aus Überzeugung. Habe schließlich auch meinen Stolz.

11.10.2002

Ich habe mich verraten! Dagmar hat nach mir gerufen und ich habe sie angesehen und bin zu ihr gelaufen. Jetzt weiß sie, daß ich meinen Namen kenne, Mist... Meinen Supertrick haben die beiden auch durchschaut: Wenn sie mit mir raus wollen, tu ich so, als wäre ich taub oder ganz furchtbar ängstlich. Irgendwann verlieren sie die Geduld und TRAGEN mich nach draußen. Das ist eine tolle Sache. Aber ich befürchte, es ist aus mit der Bequemlichkeit. Heute früh hat Franz Josef mich doch tatsächlich an der Leine rausgezerrt! Eine UNVERSCHÄMTHEIT!!! Ich werde mich beschweren - wenn ich nur wüßte wo?

18.10.2002

Heute habe ich ein ganz tolles Abenteuer erlebt. Franz Josef ist mit mir spazieren gegangen. Nach einiger Zeit kamen wir an einer riesigen Straße vorbei - eine Autobahn. Meine Schlappohren flatterten vom Fahrtwind der LKWs. Auweia, hatte ich vielleicht Muffensausen! Aber Franz Josef blieb ganz cool und meinte, so ein 40-Tonner wäre gar nichts gegen seinen mit 120 Kilo Lebendgewicht vorbeirauschenden Chef. Ich weiß zwar nicht, was ein Chef ist, aber wenn das noch was Schlimmeres ist als ein LKW, brauche ich gar keine Angst mehr auf der Straße zu haben.

November 2002

Jetzt bin ich schon seit 2 Monaten bei meinem neuen “Rudel” und das Leben wird immer aufregender und interessanter. Erst jetzt nehme ich meine Umwelt so richtig wahr; erst jetzt wird mir bewußt, was ich bisher verpaßt habe.

Im Büro z.B. gibt es jemand, der riecht so gut - nach Wildschwein, sagt Dagmar. Den gleichen Wohlgeruch habe ich auch schon im Chef-Büro bemerkt. Da liegen so Felle rum, die ich wahnsinnig gern zerfetzen würde; darf ich aber nicht, so’ne Gemeinheit. Eins habe ich probeweise mal angeknabbert, da gab es aber Schimpfe.

Überhaupt darf man nie das, was einem Spaß macht. Dabei zerreiße ich für mein Leben gern Papier in jeder Form, Schals, Socken, Unterhosen, Hemden...

Aber ich darf ohne Leine und Halsband im Garten rumflitzen und Haken schlagen; das ist auch toll - am liebsten quer durch Dagmars Blumenbeete. Da habe ich mir schon richtig schöne Trampelpfade angelegt.

Draußen rumtoben gefällt mir aber nur bei schönem Wetter. Regen finde ich doof. Vor allem, wenn ich dann auch noch durch meterhohes Gras (Anmerkung der Redaktion: 10-20 cm!) laufen soll, igitt! Wenn meine Leute das so toll finden, können sie das ja gerne machen. ICH erledige meine dringenden Geschäfte lieber auf dem Teppichboden. Ich habe im ganzen Haus schon alle ausprobiert; der im Schlafzimmer ist der schönste, so weich und kuschelig. Aber an einem verregneten Freitag neulich habe ich es wohl übertrieben. Nach stundenlangem Spaziergang bei strömendem Regen kommen Dagmar und ich klatschnaß nach Hause - endlich im Trockenen! Ich nix wie rauf in Dagmars Zimmer im Dachgeschoß - welch eine Wohltat, den Druck loszuwerden! Da war Dagmar aber stinksauer, das war nämlich schon das dritte Mal, daß ich an diesem Tag die Teppichböden verziert hatte. Naja, irgendwie kann ich ihren Ärger verstehen; Teppiche reinigen ist nicht unbedingt eine herzerfrischende Arbeit. Normalerweise bin ich aber stubenrein; außer wenn meine Leute meine Zeichen nicht richtig deuten. Dann passiert schon mal ein Malheur.

Die Erziehung meiner Menschen klappt mittlerweile immer besser. Das Sofa im gemütlichen Dachgeschoßzimmer habe ich mir schon erobert. Da liege ich meistens mit Dagmar und sehe fern. Vielmehr - sie guckt TV und ich schnarche. Eigentlich darf ich nicht aufs Sofa, aber weil Dagmar so eine Frostbeule ist und ständig kalte Füße hat, bin ich als Wärmekissen akzeptiert. Allerdings ist das Sofa unten im Wohnzimmer immer noch verbotene Zone für mich - zumindest offiziell. Wenn die beiden sich abends endlich in ihre Betten verzogen haben, bin ICH der alleinige Herrscher über dieses Sofa. In die Kissen eingekuschelt kann ich dort wunderbar schlafen.

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Manchmal allerdings sind meine beiden “Alten” doch reichlich seltsame Geschöpfe. Zuerst überreden sie mich nach allen Regeln der Kunst, die beängstigend steilen Treppen ins Obergeschoß mit raufzulaufen. Wenn ich dann endlich oben bin, soll ich wieder runter. Nee, mach’ ich nicht!!! Sollen die mich doch tragen! Dummerweise lassen die sich aber nicht einmal mehr von meinem erbärmlichsten Trauerblick erweichen. Gegen mein Gejammere sind die auch immun. Aber das könnte Euch so passen, mich da oben allein sitzen zu lassen. Dann lauf’ ich eben doch selbst die Treppen runter, so!

Dezember 2002

Wie aufregend! Der ganze Garten ist weiß und fühlt sich so schön kalt und weich an. Essen kann man das seltsame Zeug allerdings nicht; es kribbelt nur in der Nase, wenn man reinbeißt. Dafür läßt es sich im verschneiten Garten wunderbar toben.

Der Gartenteich hat sich auch seltsam verändert. Das Wasser ist ganz fest geworden und läßt sich nur trinken, wenn ich mit der Pfote ein Loch reinhaue. Hmmm, lecker!

 
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Also Leute, eins kann ich Euch sagen:

Weihnachten ist doof!!!

 

Tagelang Unruhe und Hektik im Haus - kein Mensch kümmert sich um mich. Alle sind furchtbar beschäftigt, überall bin ich im Weg. Und dann steht seit neuestem auch noch dieses grüne Ungetüm im Wohnzimmer. Na gut, sieht ja ganz hübsch aus, wenn die Kerzen leuchten. Aber leider darf ich nicht mit den Krippenfiguren spielen; dabei wollte ich die nur mal richtig sortieren.

Aber es kommt noch schlimmer: Silvester!

Nicht nur, daß wieder alle so wahnsinnig hektisch sind und ich von all den duftenden Leckereien nichts abbekomme - plötzlich ein fürchterliches Gelärme und Geknalle überall. Da soll man keine Angst kriegen. Nix wie rauf ins Dachgeschoß und zwischen die Sofakissen. Dafür gibt’s zwar sicher Schimpfe, ist mir aber im Moment egal.

 

Etwas Gutes gibt es aber doch an Weihnachten und Silvester: Meine Leute haben Urlaub und ich muß nicht Autofahren.

 

Januar 2003

Leider ist der Urlaub zu Ende und wir müssen wieder ins Büro. Pfui, ist das kalt im Auto. Warum gehen wir die paar Kilometer nicht zu Fuß, statt immer mit diesem scheußlichen Ding zu fahren?

Dagmar meint, ich wäre in den letzten Wochen ganz schön lebhaft und vorwitzig geworden; manchmal schon zu kess. Da bin ich zwar entschieden anderer Meinung, aber Franz Josef hat mir zugeflüstert, besser nicht zu widersprechen - Frauen haben sowieso IMMER recht.

Tja, Weihnachten und Silvester sind nun glücklich überstanden, aber Ruhe kehrt in diesem Haus immer noch nicht ein. Jetzt werde ich auf Karneval “trainiert” - was immer das auch sein mag. Ich muß laute Musik über mich ergehen lassen, Franz Josef will mir unbedingt Foxtrott und Schunkeln beibringen, Dagmar hebt abwechselnd meine rechte und linke Vorderpfote hoch und ruft: “Kölle alaaf!” Ich glaube, ich bin hier bei Verrückten gelandet. Wer weiß, was noch alles auf mich zukommt!?

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