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2009 Sciumi - Unser zweiter Patenhund

Lesen Sie Sciumis berührende, traurige Geschichte, erzählt von einer Urlauberin, die ihn über Jahre beobachtet hat und nun als Tierschützerin versucht, ihm zu helfen. Die Geschichte ist sehr ausführlich beschrieben und verdeutlicht anschaulich das harte Leben eines Streuners, das mit “Romantik” wirklich nichts gemeinsam hat.

Sciumi - ein Beispiel von Tausenden...

 

 

Sciumis Geschichte - erzählt von Stefanie Jungnickel

Das ist die Geschichte von Sciumi. Er trägt den Namen des Strandes La Sciumara, wo er sein Leben verbracht hat. Es ist die Geschichte von Freiheit und von Krankheit, von Glück und von Leid, welche manchmal so nahe zusammenliegen. Die Geschichte von Sciumi ist aber auch die Geschichte von Verantwortung, von Mitleid und das Zeichen, dass Tierschutzarbeit im Team funktioniert, dann, wenn alle hinsehen und jeder mitmacht...

Ich möchte die Geschichte von Sciumi erstmal als Touristin erzählen, denn so durfte ich ihn kennenlernen, vor ca. 10 Jahren. Der Reiseführer führte uns als Surfer damals an den Strand, auch Spiaggia Liscia oder La Coluccia genannt. Eine traumhaft naturbelassene Gegend, eine Meeresbucht im Schutze der vorgelagerten Insel La coluccia, völlig unbewohnt, an windigen Tagen aber ein Eldorado für Windsurfer. Als wir dort ankamen, sahen wir sofort drei Strandhunde, gesund, kräftig, freundlich zu allen Surfern, wohl wissend, dass sie Futter brachten.

Keiner von ihnen hatte einen Namen, daher musste man sie farblich benennen. Die Blonde war das einzige Weibchen der Gruppe, ganz jung, scheu und zurückhaltend. Die anderen beiden, der Schwarze und der Braune, schienen sie zu beschützen, waren aufgeschlossener und waren unzertrennlich. Ob es Geschwister waren, woher sie genau kamen, wie ihre Geschichte war, keiner wusste es genau, bis heute nicht.

Diese kleine Hundegruppe war bekannt bei den Surfern und beliebt. Jeder hatte Futter dabei, manchmal richtiges Hundefutter, manchmal Reste vom Abendessen oder Frühstück. Die Hunde genossen es, sie verbrachten die heißen Tage im Schatten der vielen Wohnmobile und ihre Versorgung war immer gesichert. Alles schien idyllisch. Zu diesem Zeitpunkt wußten wir ja schon von den vielen Hundelagern auf der Insel, in denen zigtausend Hunde auf engstem Raum, teilweise in Einzelhaft, ihr Leben auf Betonboden verbringen mussten. Wie paradiesisch hatten es also diese drei Hunde angetroffen?

Ein wenig Traurigkeit war dennoch immer zugegen. Die Hunde merkten schnell, welcher Tourist ihnen besonders gut gesonnen war und siedelten sich dann meist dort an, für die gesamte Dauer des Aufenthaltes. Je nach Windlage waren das manchmal sogar viele Tage oder Wochen, danach hieß es dann immer Abschied nehmen. Was zurückblieb war ein laufender Motor, Gestank, und im Rückspiegel des Fahrzeuges drei Gestalten, die am Strand zurückblieben und manchmal auch ein paar Meter hinterherliefen...

So ging das Szenario viele Jahre lang. Im Laufe dieser Jahre kehrte auch ich als Touristin immer wieder an diese Stelle zurück und musste nach wenigen Jahren erfahren, dass der schwarze Hund nicht mehr da war. Wo er war, ob er gestorben war, wie, das wußte niemand. Zurück blieb der rotbraune Rüde und die scheue Hündin. Übers Internet lernte ich dann eines Tages eine Touristin kennen, die genau an diesem Strand ihren Urlaub verbracht hatte und sich entschieden hatte, vom hohen Norden Deutschlands nochmals nach Sardinien zu reisen, um die Hündin zu adoptieren. Eine unglaubliche Reise mit einer dramatischen Entwicklung. Schnell waren alle Vorbereitungen getroffen und als die Frau am Strand ankam, fand sie sogar die Hündin vor. Einige Tage hatte sie Zeit, um das Vertrauen der Hündin zu erlangen und sie mitzunehmen. Am Ende dieser Tage war jedoch klar, dass an ein Einsteigen ins Auto nicht zu denken war. Ohne eine entsprechende Betäubung wäre die Reise nicht zu machen gewesen. Schließlich entschloss sich die Touristin, die Hündin am Strand zu lassen, zu massiv und gewaltvoll hätte sie alles andere empfunden.

Ich sah die Hündin danach noch einige Male, jedes Mal mit langen Zitzen, ausgemergelter als das Jahr zuvor. Wo sie ihre Welpen zur Welt gebracht hatte (es müssen unzählige gewesen sein) und welches Schicksal sie ereilte, das weiß bis heute niemand. Eines Tages war auch sie für immer verschwunden. Oft habe ich mich gefragt, welche Zukunft sie in Deutschland gehabt hätte, ob es damals richtig gewesen wäre, sie gewaltvoll gegen ihren Willen vom Strand wegzuholen. Ich denke nicht, und dennoch tut die Gewissheit sehr weh, dass sie viel zu früh verschwunden ist und im Gegensatz zu ihren männlichen Artgenossen ein viel schwierigeres und härteres Leben als unkastrierte Streunerin hatte.

Zurück blieb der große rotbraune Rüde. Mein Gott, wie viele Touristen habe ich in all den Jahren am Strand getroffen, die damit geliebäugelt hatten, ihn mitzunehmen. Dieser Hund hatte so viele Namen, viele Touristen begleiteten sein Schicksal über Jahre hinweg, jede Familie hatte ihm seinen eigenen Namen gegeben und ihn am Strand von Liscia jedes Jahr neu begrüßt, als wäre es der eigene. Und jedes Mal wieder zurückgelassen, im Rückspiegel der Fahrzeuge aus den Augen verloren, als er am Strand wieder alleine zurückblieb.

Ob er sich jemals gewünscht hätte, mitgenommen zu werden? Wir wissen es nicht. Vor zwei Jahren – nach längerer Pause – war ich wiedermal in der Bucht und traute meinen Augen nicht. Vor mir stand ER. Aus dem stattlichen und bildschönen Rüden war ein gebrechlicher, alter und von Krankheit gezeichneter Hund geworden. Tränen schossen mir in die Augen, ich war schockiert und unendlich betroffen. All die Jahre lang hatte ich ihn natürlich bei meinen Besuchen entwurmt und versucht, Zeckenpräparate aufzuträufeln und letztlich sogar - leider vergeblich - versucht, ihm das Scalibor-Halsband gegen die Sandmücke anzuziehen. Das hatte er sich nie gefallen lassen und nun stand er vor mir, zerfressene Ohren, blutige Zehen und Pfoten, schmerzempfindlich am ganzen Körper, wo ich versuchte ihn zu streicheln. Ich sprach mit vielen Surfern am Strand, organisierte noch die Fütterung der nächsten Monate, denn es war Winter geworden. Von November bis Februar ist dieser Strand völlig menschenleer, nur wenn guter Wind ist, trifft man die einheimische Surferszene. Alle kennen ihn und die Leute versprachen, ihn zu füttern.

Ich heulte Rotz und Wasser, als ich ihn vor zwei Jahren zurücklassen musste und bat eine Kollegin von arca sarda, eine angehende Tierärztin, die im Winter auf die Insel wollte, ihn vor Ort aufzusuchen und am Strand einzuschläfern. Von nun an war ich nicht mehr nur die Touristin, sondern ich begleitete die Geschichte des Hundes als Tierschützern, als Teil von arca sarda vor Ort. Laura, so hieß die Tiermedizin-studentin, versprach mir, ihn zu suchen. Leider fand sie ihn nicht und das letzte, was ich von dem Hund mitnahm, war die Erinnerung an ihn und die Tatsache, dass Laura ihn nicht erlösen konnte.

Zwei Jahre vergingen und ehrlich gesagt dachte ich, der Hund wäre schon längst tot, bis ich in diesen Tagen durch eine e-mail von ihm erfuhr.

Durch den Verteiler der sardischen Tierfreunde wurde ein Hilferuf verschickt, an einen großen Verteiler, auch ich war in cc. Man sprach von einem todkranken Hund, der am besagten Strand gesehen wurde. Ein Hund, der einem alten Fischerpaar gehört, die zeitlebens zweimal in der Woche aus dem Bergdorf San Pasquale auf die Halbinsel La Coluccia fahren, um ihm trockenes Brot zu bringen. In der Mail war ein Aufruf, wer nach diesem unbekannten Hund schauen könnte, um seinen Gesundheitszustand zu klären. In der Sekunde, in der ich die Mail las, war klar, um wen es ging, ER lebte noch! Es war weniger die Freude, die mich packte, als die Angst und die Gewissheit, wie sehr er in diesen letzten beiden Jahren gelitten haben muss. Ich mailte sofort Fotos von früher und die gesamte Geschichte der Hunde vom Strand an alle Beteiligten mit der inständigen Bitte, sofort nach dem Hund zu suchen und ihn zu erlösen.

Alle Bemühungen waren vergebens, die Einheimischen fuhren viele Male den langen und kurvigen, kilomterlangen Weg zum Strand, nie wurde der Hund gesehen. Als ich letzte Woche zur Kastrationsaktion für Straßenkatzen auf die Insel reiste, sprach schon niemand mehr von dem Hund, von dem bis dahin nur meine alten Fotos existierten und die Meldung einiger, dass es am Strand dort unten einen kranken Hund geben muss.

Ich selbst fuhr trotz der Strapazen der Kastrationsaktion in jeder freien Minute nach Liscia, leider vergebens. Ich fand am Strand Futter- und Wasserschüssel, mit Surftampen an den Zaun gebunden, der die macchia vor Autos schützen soll. Was klar war, hier lebte noch ein Hund, aber wo?

Auch die Tiermedizinstudentin Laura war wieder vor Ort, auch sie fuhr einige Male zum Strand und als sie eines Abends strahlend zurückkam mit der Nachricht, sie hätten den Hund gefunden und es ginge ihm nicht so schlecht, war mir klar, dass das ein Missverständnis sein musste. Sie zeigte mir die Fotos auf der Digitalkamera. Diese zeigten tatsächlich einen rotbraunen Hund, auch er hatte die Anzeichen der Leishmaniose, sein Fell und seine Statur waren indentisch der der blonden Hündin damals....

Ein Hund, dem geholfen werden muss, dem aber sicherlich in diesem Anfangsstadium der Krankheit noch zu helfen ist. Meine Hoffnung, dass „mein“ alter Hund noch leben würde, war dahin. Ich war mir sicher, dass der Hilferuf per Mail diesen Hund betraf und nicht den, den ich meinte, bereits vor zwei Jahren schlimm gezeichnet. Die Wasse- und Futterschüsseln würden also dem jüngeren Hund gehören. Die Woche war schönes Wetter, kein bisschen Wind, daher war an diesem Strand auch niemand, kein einziger Surfer. Ich schrieb einen italienischen Zettel mit der Aufschrift, dass der Hund dringend Hilfe benötigen würde und wer auch immer ihn sehen würde, bitte bei arca sarda anrufen solle. Am nächsten Tag war der Zettel weg, kein Anruf. Ich hatte keine Hoffnung, den alten Hund so zu finden, ich wollte dem neuen helfen, einfach helfen und diese Chance nutzen. Ich schrieb insgesamt drei Zettel, den letzten am Tag vor meiner Abreise. Dann hörte ich nur noch, dass es auf Sardinien regnen sollte, tagelang Dauerregen. Ich dachte kurz an den Zettel, der sich sicherlich in den Wassermassen aufgelöst hatte.

Der Regen wurde durch Sturm weggetrieben und mit dem Sturm kamen die Surfer und mit den Surfern kam der Hund - ja, DER Hund, mit letzter Kraft.

Alleine an dem Wochenende wurde Mariangela von zwei verschiedenen Surfern angerufen, die ihr den Hund meldeten, sofort fuhr sie mit Ambra los ....und fanden ihn. ER hat nun einen Namen, der wurde auf dem Einlieferungsschreiben der Tierklinik Olbia verlangt. Dort steht auf der Tafel nun Sciumi und im Käfig sitzt ein alter, todkranker Hund, der um sein Leben kämpft; der es aber nicht aufgeben möchte, darum helfen wir.

Auf seiner Tafel ist niemals Platz, sein ganzes Leben aufzuschreiben. In meinem Herzen gibt es diesen Platz und es ist ein kleiner Trost, dass durch die Teamarbeit der Menschen vor Ort, der Tierschützer, der Touristen und der Einheimischen die winzigen Puzzlesteine zusammengefügt werden konnten und nun jeder weiß, wer Sciumi ist und was für eine Geschichte er hat.

Aus dem namenlosen Hund am Strand, den irgendwie jeder kannte, aber sich doch nie jemand zu ihm bekannte, ist nun ein Hund mit einem Namen geworden, für den wir alles tun werden, was in unseren Möglichkeiten steht.....

 

Abschied von Sciumi - Mail von Stefanie Jungnickel

Liebe Frau Gronewald,
 
bevor das Jahr zu Ende geht und wir fürs neue Jahr Wünsche formulieren können, hat sich ein Herzenswunsch nicht erfüllt. Der, dass unser geliebter Sciumi noch einmal Sandboden unter seinen alten Pfoten spüren darf, unter einem schattigen Baum liegen kann und das Rauschen des Meeres hören darf. Sciumi hat uns in der Nacht vom 26.12.2010 verlassen.
 
Zwei Wochen zuvor war ich in Santa Teresa und habe Sciumi besucht. Nach meiner Rückkehr wollte ich alles daran setzen, Sciumi doch noch zu vermitteln, für ihn ein Zuhause in Deutschland zu suchen, so fit und lebensfroh ist er mir noch begegnet. Nur wenige Tage später erlitt er dann einen schlimmen Einbruch. Er hörte auf zu fressen, war matt und müde und wenn er das Vorhängeschloss am schweren Eisentor hörte, war es ihm kaum noch möglich aufzustehen, um seine geliebte Mariangela zu begrüßen.
 
Die Kollegen vor Ort reagierten sofort, ließen neue Blutwerte analysieren, kümmerten sich besonders liebevoll um ihn, bereiteten ihm Lager aus Kissen und Decken an der Heizung. Als das Ergebnis der Blutwerte kam, schwand unsere Hoffnung, dass Sciumi doch noch vermittelt werden könnte; aber die Hoffnung, ihn ins neue Rifugio umsiedeln zu können, die blieb. Die Leber- und Nierenwerte von Sciumi hatten sich extrem verschlechtert, genauso wie sein Allgemeinzustand. Die jahrelange Krankheit hat die Organe von Sciumi so in Mitleidenschaft gezogen, dass eine Therapie nicht mehr möglich war, nur noch die, Sciumi ein Leben ohne Schmerzen zu ermöglichen. In den letzten Tagen vor Weihnachten baute Sciumi dann total ab. Er fraß nicht einmal mehr seine heißgeliebten Würstchen, mit denen Mariangela ihm immer seine Medizin verabreichte. Es war der Moment gekommen, an dem wir uns in Gedanken damit abfinden sollten, dass Sciumi keine Zeit mehr blieb. Dass es dann letztlich so schnell ging, hat uns alle zutiefst getroffen und vor allen Dingen die, die sich nicht mehr von ihm verabschieden konnten.
 
Den 26.12. verbrachte Sciumi damit zu klagen, er war rastlos und schien starke Schmerzen zu haben. Das Rimadyl reichte nicht mehr aus, verzweifelt versuchte Mariangela an diesem Tag einen Tierarzt zu finden, der ihr Morphium geben würde. Als ihr das nicht gelang, verabreichte sie Sciumi ein Beruhigungsmittel und als sie ihn gegen 23.00 Uhr das letzte Mal besuchte und er einschlief, wusste sie, dass es der Abschied war.
 
Sciumi wurde am frühen Morgen von Maurizia im mattatoio tot gefunden. Er lag auf seinem weichen Lager, bei ihm waren seine geliebten Freundinnen, Frieda, Linetta, Lucia....
 
Sciumi liegt nun begraben am Strand von Liscia, an dem Strand, an dem er über 10 Jahre lang in Freiheit gelebt hatte. An dem Strand, an dem wir vor langer Zeit einen Zettel angebracht hatten: “Bitte unbedingt bei arca sarda melden, wenn der Strandhund auftaucht, er braucht dringend medizinische Hilfe!”  Mariangela hatte ihn dort nach zahlreichen Anrufen von Surfern abgeholt, in erbärmlichem Zustand, gezeichnet von jahrelanger Leishmaniose. Damals versuchte er, mit letzter Kraft durch einen kleinen Weg im Gebüsch zu entkommen. Auf diesem Weg haben unsere Kollegen ihn nun beerdigt. Mariangela meint, das wäre der Weg, den er damals einschlagen wollte, wir haben ihn unterbrochen mit viel Liebe und Fürsorge und vielen vielen glücklichen Lebensmonaten; aber nun ist der Moment gekommen, an dem er seinen Weg alleine weitergeht und deshalb liegt Sciumi nun genau auf diesem Sentiero. Es ist das wieder zusammengekommen, was zusammengehört.
 
Wir werden ihn für immer in unseren Herzen behalten.
 
Un bacio grande, ciao Sciumi.

 

 

Fotos und Texte mit freundlicher Genehmigung von respekTiere

 

 

© 2002-2011 Beagle Balu | aktualisiert: 03.11.2011